Wisse o Europa!
In
dieser Notiz sah sich der Neue Said, nachdem sich die
Wissenschaft und die Zivilisation des Westens bereits bis zu
einem gewissen Grade in den Gedanken des Alten Said
eingenistet hatten und er nun begann, sich für eine Reise
von Herz und Verstand einzuschiffen und sie sich nun in eine
Krankheit des Herzens verwandelten und zu einer Ursache
außerordentlicher Schwierigkeiten wurden und er nun den
trügerischen Glanz dieser Philosophie und die
Ausschweifungen ihrer Zivilisation von sich abschütteln und
die Begehrlichkeit seiner Seele (nefs), die Zeugnis für ein
solches Europa ablegte, zum Schweigen bringen wollte, sah er
sich in seinem Inneren (ruh) dazu gezwungen, sich der nun
folgenden, in gewisser Hinsicht sehr kurzen, in einer
anderen Hinsicht aber doch recht langen Diskussion mit
dessen geistiger Verkörperung zu unterziehen.
Das
sollte aber nicht missverstanden werden: Europa ist
zweierlei.
Ersteres folgt den Segnungen jener
Geisteswissenschaften, die aus seiner wahren christlichen
Religion gespeist werden, welche dem Handwerk, das das
menschliche Gemeinschaftsleben fördert und dem Recht und der
Gerechtigkeit dienen. Es ist nicht dieses Europa, das hier
zur Diskussion steht. Ich möchte vielmehr jenes zweite,
verdorbene, Europa ansprechen, das den Menschen in der
Finsternis seines naturalistischen Denkens, durch das es den
Fluch der Zivilisation für deren Segen hält, zu
Ausschweifungen verleitet und auf Irrwege geführt hat. Es
ist dies wie folgt:
In
jener Zeit sprach ich auf meiner inneren (ruh) Reise mit der
geistigen Verkörperung Europas, die anstelle aller Vorzüge
ihrer Kultur und den segensreichen Geisteswissenschaften
eine nutzlose und destruktive Philosophie und eine ebenso
destruktive wie ausschweifende Zivilisation in Händen hält,
und sagte zu ihr:
Wisse
nur, du anderes Europa! Du hältst in deiner rechten eine
krankhafte und fehlgeleitete Philosophie und in deiner
linken eine ausschweifende, destruktive Zivilisation und
lädst den Menschen dazu ein, weil ja sein Glück in ihnen
liegen soll. Mögen dir beide Hände gebrochen werden und
mögen diese beiden schmutzigen Geschenke dich den Kopf
kosten! Sie werden dich zu Grunde richten!
Und
du unglückseliger Geist, der du Unglaube und Undankbarkeit
um dich verbreitest! Ja, kann denn der, der in seiner Seele
(ruh), mit Herz und Verstand fürchterliche Gewissenspein
erduldet und schon krank ist von seinen Folterqualen, der
dem Leibe nach in einem äußerlichen, oberflächlichen,
trügerischen Glanz und Reichtum lebt, dabei noch glücklich
sein? Kann man denn von ihm sagen, dass er (auf diese Weise)
selig werden wird?
Ja
merkst du denn nicht, dass ein Mensch, wenn er über einer
Kleinigkeit verzweifelt, wenn er über einer geplatzten
Illusion seine Hoffnung verliert, wenn er über einer
unbedeutenden Angelegenheit einem Zustand tiefster
Enttäuschung verfällt, dass ihm dann seine süßesten Träume
bitter werden, der Wohlstand (in dem er lebt) ihn zu quälen
beginnt, ihm die Welt (dunya) zu eng wird und er sich in ihr
wie ein Gefangener fühlt? Welches Glück kannst du nun diesem
armseligen Menschen, den der Schlag deines Irrglaubens im
tiefsten Winkel seines Herzens getroffen hat, mit deinem
Unglück, das im tiefsten Grunde seiner Seele (ruh) an ihm
zehrt, diesem Irrglauben, der all seine Hoffnung ausgelöscht
hat, von wo nun all sein Schmerz aufsteigt, noch
garantieren? Ja, kann man denn von einem, der sich dem Leibe
nach in einem kurzlebigen, falschen Paradies befindet,
dessen Herz und Verstand aber alle Qualen der Hölle
erleiden, noch behaupten, dass er glücklich sei? So hast du
denn den bedauernswerten Menschen auf diese Weise vor den
Kopf gestoßen und in die Irre geleitet! In einem falschen
Paradies lässt du ihn höllische Qualen erleiden!
Oh
du eigenwillige menschliche Seele (nefsu-l’emmare)!
Betrachte das (folgende) Beispiel und siehe, wohin du den
Menschen geführt hast. Da liegen z.B. zwei Wege vor uns. Wir
wählen einen und bemerken Schritt für Schritt jedes Mal
einen bedauernswerten Menschen. Räuber überfallen ihn,
entreißen ihm sein Hab und Gut und zerstören ihm seine
Hütte. Ja, manchmal verwunden sie ihn sogar. Alles geschieht
auf eine solche Art, dass selbst der Himmel über seinen
beklagenswerten Zustand weint. Wohin man auch blickt: die
Dinge spielen sich stets auf die gleiche Weise ab. Die
Geräusche, die man auf diesem Wege vernimmt, sind der Lärm,
den die Räuber machen und das Stöhnen der geknechteten. Eine
allgemeine Trauer hüllt den Weg ein. Da der Mensch auf Grund
seiner Menschlichkeit unter dem Leiden eines anderen
mitleidet, bleibt er unter einem nicht enden wollenden
Schmerz befangen. Weil aber sein Herz soviel Schmerz nicht
ertragen kann, muss einer, der diesen Weg einschlägt, eines
von zwei Dingen tun: er sagt sich entweder von der
Menschheit los, entscheidet sich, in seinem Herzen eine so
grausame Einsamkeit zu tragen, dass, solange nur er selbst
in Sicherheit bleibt, alle um ihn herum untergehen können,
ohne dass es ihn betrübte, oder aber: er schaltet einfach
aus, was Herz und Verstand von ihm verlangen.
Oh
Europa, verdorben durch Ausschweifung und Irreleitung und
weit entfernt von der Religion Jesu! Wie der Deddschal, der
nur noch ein Auge trägt, hast du mit deiner blinden
Intelligenz dem menschlichen Geist (ruh) eine Art
Höllenzustand zum Geschenk gemacht! Dann aber ist dir klar
geworden, dass diese unheilbare Krankheit den Menschen von
den höchsten Höhen in die tiefsten Tiefen hinabstürzt und
ihn auf die Stufe noch des armseligsten Tieres
hinunterzieht. Das Heilmittel, das du gegen diese Krankheit
gefunden hast, ist die Unterhaltungs- und
Vergnügungsindustrie, die dir attraktives Spielzeug
anbietet, mit dem du deine Sinne kurzzeitig ausschalten
kannst und Gelüste, die dir eine Betäubung anbieten. Mögen
diese Heilmittel dir den Kopf kosten! Sie werden dich zu
Grunde richten! So gleicht denn der Weg, den du dem Menschen
geöffnet hast und das Glück, das du ihm geschenkt hast,
diesem Beispiel.
Der
zweite Weg ist der, den der Weise Qur’an dem Menschen als
Rechtleitung zum Geschenk gemacht hat. Und der ist
folgender: wir sehen, dass auf diesem Weg in jedem Haus, auf
jedem Platz und in jeder Stadt an allen Ecken die aufrechten
Soldaten des gerechten Sultans zu finden sind und ihre Runde
machen. Von Zeit zu Zeit wird ein Teil dieser Soldaten auf
Geheiß des Sultans wieder entlassen. Ihre Waffen, ihre
Pferde und die Munition, die ja dem Staat gehören, werden
ihnen wieder abgenommen und sie erhalten ihre
Entlassungspapiere. Die entlassenen Soldaten sind
offensichtlich traurig, ihre Waffen und ihre Pferde wieder
abgeben zu müssen, mit denen sie bisher vertraut gewesen
sind. Doch in Wirklichkeit sind sie eigentlich froh über
ihre Entlassung und sehr damit zufrieden, ihren Sultan
besuchen und an seinen Hof zurückkehren zu dürfen. Manchmal
begegnen die mit der Abrüstung betrauten Beamten einem noch
unerfahrenen Rekruten. Dieser Soldat kennt sie nicht. »Gib
deine Waffe zurück!« sagen sie zu ihm. Der Soldat entgegnet
ihnen: »Ich bin ein Soldat des Sultans und stehe in seinen
Diensten. Danach werde ich wieder zu ihm gehen. Wer aber
seid ihr? Wenn ihr mit Erlaubnis und Einverständnis von ihm
kommt, so stehe ich euch zu Diensten und ihr seid mir
willkommen. Zeigt mir also eure Papiere. Andernfalls geht
und bleibt mir vom Leib! Und selbst wenn ich allein bleiben
sollte, ihr aber seid Tausende, werde ich dennoch gegen euch
kämpfen. Ich tue dies nicht für mich selbst (nefs), denn ich
gehöre nicht mir selbst (nefs); ich gehöre dem Sultan. Meine
Seele (nefs) und die Waffe, die ich jetzt habe, sind mir ja
von meinem König anvertraut worden. Ich werde mich, um das
mir anvertraute Pfand und die Würde des Sultans zu
verteidigen und seine Ehre zu schützen, nicht vor euch
beugen!«
So
ist denn diese Situation eine unter Tausenden solcher
Situationen, die eine Quelle der Freude und des Glücks auf
dem zweiten Wege ist. Du kannst nun die übrigen Situationen
selbst vergleichen! Während der Reise auf diesem zweiten Weg
gibt es eine Aushebung und einen Marschbefehl für die
Soldaten, den man als Geburt bezeichnet, und eine frohe
Entlassung der Soldaten unter Musikbegleitung, als die man
den Tod betrachtet. So hat denn der Allweise Qur’an diesen
Weg dem Menschen zum Geschenk gemacht. Wer immer mit ganzem
Herzen dieses Geschenk annimmt, wird den zweiten Weg gehen,
der zum Glück in beiden Welten führt. Er empfindet weder
Trauer über die Dinge, die der Vergangenheit, noch Angst vor
den Dingen, die der Zukunft zugehören.
Oh
du verdorbenes zweites Europa! Mit einem Teil deiner
verrotteten und bodenlos gewordenen Fundamente verhält es
sich folgendermaßen: du sagst: »Jedes Lebewesen, vom größten
Engel bis zum kleinsten Fisch, ist sein eigener König,
arbeitet für seine eigene Person und plagt sich für sein
eigenes Vergnügen. Es hat ein Recht auf das Leben. Ziel
seiner Bemühungen und Zweck seiner Anstrengungen ist es, das
Leben zu verlängern und seine Existenz zu sichern.« Indem du
dir die Erscheinungsformen des Gesetzes der Barmherzigkeit
und Freigiebigkeit, welche ein Prinzip der Freigiebigkeit
des freigiebigen Schöpfers sind, dem all das folgt, was den
Kosmos in vollkommenem Gehorsam trägt und zusammenhält und
jene gegenseitige Hilfeleistung der Pflanzen für die Tiere
und der Tiere für den Menschen als Kampf betrachtest,
urteilst du törichterweise: »Das Leben ist ein Kampf.«
Wie
kann man denn das als einen Kampf bezeichnen, wenn Teile der
Nahrung, als eine Erscheinung dieses Prinzips gegenseitiger
Hilfeleistung sich mit vollendetem Eifer beeilen, die Zellen
des Körpers zu ernähren? Wieso ist das ein
Interessenkonflikt? Ist dies doch vielmehr eine
Unterstützung und ein Wettlauf, wenn sie einander auf den
Befehl des Freigiebigen Herrn zu Hilfe eilen.
Und
eine deiner verrotteten Fundamente ist es zu sagen: »Ein
jedes Ding ist sein (nefs) eigener König.« Ein ganz klarer
Beweis dafür, dass nichts und niemand sein eigener König
sein kann, ist das folgende: Unter den Ursachen ist die
edelste und hinsichtlich ihrer Entscheidungskraft (ihtiyar)
diejenige mit dem umfangreichsten Willen (irade), der
Mensch. Doch von Hundert offensichtlichen Auswirkungen
dieser Entscheidungskraft (ihtiyar) des Menschen, wie
Denken, Sprechen und Essen, ist nur eine einzige, recht
zweifelhafte tatsächlich in die Hand dieser seiner
Entscheidungskraft (ihtiyar) gelegt und gelangt in den
Bereich seiner Macht (iktidar). Wie kann man also von einem,
der von hundert seiner ganz offensichtlichen Taten nicht
einmal eine einzige vollbringen kann, noch sagen, dass er
sein eigener König sei?
Wenn
also selbst noch die höchsten Wesen auch mit intensivstem
Wollen so sehr in ihrer tatsächlichen Macht und
Verfügungsgewalt behindert sind, dann beweist einer, der von
den übrigen Dingen, lebenden und toten Gegenständen sagt:
»Sie sind die Könige ihrer selbst.«, so beweist er damit,
dass er noch tierischer als die Tiere, lebloser und
bewusstloser als alle leblosen Dinge ist.
Was
dich in einen solchen Fehler hineinstößt, in diesen Abgrund
hinunter wirft, ist deine einäugige Genialität, das heißt,
deine außergewöhnliche, unheilvolle Intelligenz. Auf Grund
dieser deiner blinden Genialität hast du deinen Herrn
vergessen und stellst dir nun an Seiner statt die Natur als
den Schöpfer aller Dinge vor, schreibst Seine Werke den
Ursachen zu und teilst das Eigentum deines Schöpfers dem
Taghut (= einem Götzen) zu, den du vergeblich anbetest.
Unter diesem Gesichtspunkt und hinsichtlich deiner genialen
Betrachtungsweise muss jedes lebende Wesen und ein jeder
Mensch für sich allein unzähligen Feinden die Stirn bieten
und um die Befriedigung seiner unendlich vielen Bedürfnisse
kämpfen. Und mit der Kraft eines Stäubchens und einem
Willen, gleich einem seidenen Faden, einem Bewusstsein,
gleich dem Blitz, der vorüber zuckt, einem Leben, das wie
eine Flamme verlischt, einer Lebensspanne, die wie eine
Minute vorüber huscht, müssen sie dennoch gegen zahllose
Feinde und Nöte Widerstand leisten. Und dennoch genügt das
Kapital dieser hilflosen Lebewesen nicht als Antwort auf nur
ein Tausendstel ihrer Wünsche und Bedürfnisse. Überkommt sie
ein Unglück, können sie gegen ihren Schmerz kein anderes
Heilmittel erwarten als taube und blinde Ursachen. So wird
an ihnen das Geheimnis deutlich:
»So ist denn das Gebet der Ungläubigen nichts anderes als
im Irrtum.« (Sure 13, 14)
Dein
finsterer Genius hat den Tag des Menschengeschlechtes in
Nacht verwandelt. Um dir deine qualvolle, unruhevolle Nacht
zu erwärmen, hast du sie vorübergehend mit lügnerischen
Lampen erleuchtet. Diese Lampen lächeln die Gesichter der
Menschen nicht freudig an, vielmehr grinsen sie spöttisch
über den bedauerns- und beklagenswerten Zustand der
Menschen. Solche Lichter treiben ihren Spaß mit ihnen und
machen sich über sie lustig.
In
den Augen deiner Schüler sind alle lebenden Wesen armselig,
von Katastrophen bedroht, verfolgt und unterdrückt von
diesen Räubern. Die Welt ist ein allgemeines Trauerhaus. Die
Geräusche, die man in dieser Welt vernimmt, rühren von dem
Wehgeschrei der Leidenden und der Sterbenden. Ein Schüler,
nachdem er deine Unterweisungen sorgfältig in sich
aufgenommen hat, wird einem Pharao gleich. Doch er ist nur
ein würdeloser Pharao, der die niedersten Dinge anbetet und
alle Dinge, von denen er sich einen Vorteil verspricht, als
seinen Herrn ansieht. Zudem sind deine Schüler auch noch
halsstarrig. Doch ist er noch armselig in seiner
Halsstarrigkeit, wenn er um eines einzigen Vergnügens
willen, auch noch die äußerste Erniedrigung auf sich nimmt.
Um eines armseligen Vorteils willen zeigt er eine solche
Niedrigkeit, dass er um eines nichtswürdigen Vorteils willen
dem Teufel die Füße küsst. Zudem ist er auch ein Despot.
Weil er aber innerlich haltlos ist, ist er seinem Wesen nach
zwar ein ganz ohnmächtiger, jedoch prahlerischer Despot.
Ziel und Zweck dieses Schülers ist es, die Gelüste seiner
Seele (nefs) zu befriedigen, auf hinterhältige Weise hinter
dem Schleier eines hingebungsvollen Patrioten seinen
eigenen, persönlichen Vorteil zu suchen und (alles, was
seine) Habsucht (von ihm fordert) und sein Stolz (von ihm
verlangt). Er liebt nichts ernsthaft außer sich selbst (nefs)
und opfert alles dafür (nefs) auf.
Was
aber den aufrichtigen und tadellosen Schüler des Qur’an
betrifft, so ist er ein Diener (Gottes). Aber er ist ein
ehrenwerter Diener (Gottes), der sich nicht dazu erniedrigt,
sich vor dem zu beugen (was Gott erschaffen hat), sei es
auch noch so gewaltig (mahlukat) und macht auch nicht das
größte und gewaltigste Verdienst, wie das Paradies zum Ziel
seiner Anbetung. Zudem ist er sanftmütig und friedfertig.
Doch weil er sich zugleich auch nicht dazu erniedrigt, sich
ohne Erlaubnis und Befehl, außer vor dem Schöpfer in Seiner
Majestät (Fatir-i Dhu-l’Celal), vor Geringeren zu beugen,
ist er auch sanft- und edelmütig. Er ist zudem arm. Weil
aber der Freigiebige König (Malik-i Kerim) seine Verdienste
für die Zukunft aufbewahrt, ist er zugleich auch ein Armer,
der niemals etwas entbehrt. Er ist zudem auch schwach. Doch
ist er dennoch stark in seiner Schwäche, da er sich auf die
Macht seines Herrn stützen kann, dessen Kraft unendlich ist.
Würde also nun ein wahrhaftiger Schüler des Qur’an, der so
stark ist selbst noch in seiner Schwäche, obwohl er ihm doch
noch nicht einmal dieses ewige Paradies als Ziel setzt und
zum Zweck macht, ihm diese flüchtige, vergängliche Welt (dunya)
zum Ziel und Zweck machen? So kannst du denn nun verstehen,
wie sehr voneinander verschieden die Ziele der beiden
Schüler und ihre Anstrengungen sind!
Zudem
könnt ihr nun auch den Eifer und die Hingabe der Schüler des
weisen Qur’an mit den Schülern einer krankhaften Philosophie
vergleichen. Es ist dies wie folgt:
Der
Schüler der Philosophie flieht um seiner selbst (nefs)
willen vor seinem eigenen Bruder und strengt einen Prozess
gegen ihn an. Was aber einen Schüler des Qur’an betrifft,
der alle aufrichtigen Diener Gottes im Himmel und auf Erden
als seine Brüder betrachtet, so betet er in aller
Aufrichtigkeit für sie. Er freut sich mit ihnen über ihr
Glück und fühlt im Geiste (ruh) eine starke Verbundenheit
mit ihnen. Ferner betrachtet er die größten Dinge wie die
Sonne und den Thron jeweils als gehorsame Diener (me’mur),
die wie er selbst Anbeter (abd) und Geschöpfe (mahluk) sind.
Vergleiche
also nun im Folgenden die Erhabenheit und Weite des Geistes
dieser beiden Schüler: der Qur’an verleiht dem Geist seiner
Schüler einen solchen Frohsinn und eine solche Erhabenheit,
dass er anstelle der neunundneunzig Perlen des Tesbihs, in
ihre Hände die Atome der neunundneunzig Welten legt, welche
die neunundneunzig göttlichen Namen aufscheinen lassen, und
zu ihnen sagen: »Lest nun eure Tesbihat mit ihrer Hilfe!«
Lauscht nun den Adepten des Qur’an, Schülern wie Scheych
Geylani, Rufa’i und Schaseli (mit denen Gott zufrieden sein
möge) und lasst uns nun einmal sehen, wie sie die Kette der
Atome, die Anzahl der Tropfen und die Atemzüge der Geschöpfe
halten und ihre Tesbihat gemeinsam mit ihnen lesen. Sie
rühmen und preisen (dhikr ve tesbih) Gott den Gerechten
gemeinsam mit ihnen.
So
betrachte denn nun die wunderbare Unterweisung des Qur’an,
der in seiner Verkündigung ein Wunder ist, und siehe, wie
der Mensch durch ihn erhoben wird, dieser kleine Mensch, dem
über seinen kleinen Kümmernissen und Sorgen schwindlig wird,
der in Verwirrung gerät und schließlich besiegt wird von
einigen winzig kleinen Mikroben. Siehe, in welchem Grade
sich seine subtileren inneren Sinnesorgane weiten, sodass er
schließlich erkennt, dass alles, was es in dieser großen,
weiten Welt gibt, noch unzureichend ist, die Perlen für sein
Tesbihat zu sein. Und obwohl er das Paradies noch für
unzureichend hält, Ziel seiner Meditation und Kontemplation
zu sein, hält er sich doch auch nicht für größer als das
niedrigste unter allem, was Gott der Gerechte erschaffen
hat. Er verbindet zugleich höchste Würde mit der höchsten
Demut. Nun magst du erkennen, wie niedrig und minderwertig
demgegenüber die Schüler der (modernen, westlichen)
Philosophie sind!
So
sagt denn also nun die Rechtleitung des Qur’an, was jene
Wahrheiten betrifft, die der einäugige Genius, ausgehend von
jener krankhaften Philosophie Europas so verkehrt sieht,
während sie, vertraut mit dem Unsichtbaren, mit leuchtenden
Augen in die zwei Welten blickt und beide Hände nach der
Glückseligkeit für den Menschen ausstreckt:
Oh
Mensch! Deine Seele (nefs) und das Hab und Gut in deinen
Händen ist nicht dein Eigentum. Es ist ein Unterpfand des
Königs, der Macht hat über alle Dinge (Qadir) und alle Dinge
kennt, der freigiebige Allerbarmer (Rahim-i Kerim). Er
möchte dir den Besitz, über den du verfügst, abkaufen,
sodass er ihn für dich bewahren kann und er dir nicht
verloren geht. Er wird dir in deiner Zukunft einmal einen
bedeutenden Preis dafür geben. Du bist ein Soldat, der unter
Pflicht und Befehl steht. Arbeite in Seinem Namen und handle
in Seinem Auftrag! Er ist es, der dir alle notwendigen Dinge
zu deinem Unterhalt sendet und dich vor all den Dingen
bewahrt, die deine Kräfte übersteigen. Ziel und Zweck deines
Lebens ist es, die Namen und Attribute deines Königs
sichtbar werden zu lassen. Wenn dir ein Unglück begegnet,
sage:
»Fürwahr, Gottes sind wir und fürwahr, zu Ihm kehren wir
zurück.« (Sure 2, 156)
Das
heißt: Ich stehe im Dienste meines Königs. Oh du mein
Unglück! Wenn du mit Seiner Erlaubnis gekommen bist: »Merhaba,
sei willkommen! Denn mit Sicherheit werden wir eines Tages
zu ihm zurückkehren und in Seine Gegenwart eingehen. Denn
wir verlangen sehnsüchtig nach Ihm. Da Er uns in jedem Fall
einmal von den Verantwortlichkeiten unseres Lebens entbinden
wird, so lass denn diese Entlassung und meinen Freispruch
durch deine Hand geschehen; ich bin’s zufrieden! Wenn Er
aber dein Kommen angeordnet und bestimmt (emir ve irade)
hat, dass dies eine Probe auf mein Pflichtbewusstsein und
meine Loyalität in der Bewahrung dieses Unterpfandes sein
sollte, so werde ich es dir ohne Seine Erlaubnis und ohne
Seine Zustimmung nicht übergeben. Solange ich noch die Kraft
dazu habe, will ich das mir anvertraute Pfand meines Königs
keinem übergeben, der nicht mit Sicherheit dazu beauftragt
ist, es zu empfangen.«
So
betrachte also dieses eine Beispiel unter Tausenden für die
Abstufungen zwischen den Unterweisungen, gegeben durch den
Genius der Philosophie und die Rechtleitung des Qur’an. In
der Tat setzt sich auf beiden Seiten die Bestandsaufnahmen
in der oben beschriebenen Weise noch fort. Doch die
Abstufungen unter den Leuten der Rechtleitung und des
Irrweges sind verschieden. Und die Abstufungen in der
Gottvergessenheit sind verschieden. Nicht jeder kann diese
Wahrheit auf jeder Stufe vollständig wahrnehmen. Denn die
Gottvergessenheit betäubt die Sinne. Und in unserer
gegenwärtigen Zeit hat sie die Sinne in einem solchen Ausmaß
betäubt, dass die zivilisierten Völker diesen heftigen
Schmerz und die tiefe Qual nicht mehr verspüren. Doch der
Schleier der Gottvergessenheit wird dank einer zunehmenden
Sensibilisierung durch die Entwicklung der Wissenschaften
und die Warnung des Todes, der jeden Tag dreißigtausend
Leichen aufweist, wieder zerrissen. Blankes Entsetzen und
ein Tausendfaches Bedauern sollten diejenigen fühlen, die
einem Ideal des Taghut (= eines Götzen) der Ausländer und
ihrer naturalistischen Philosophie und Wissenschaft
entsprechend in die Irre gehen, sowie alle, die ihnen
blindlings folgen und sie nachahmen!
Oh
ihr jungen Söhne dieses Landes! Versucht nicht, die Franken
(= Europäer) zu imitieren!... Mit welch einer verständlichen
(Begründung) könnt ihr nach all der grenzenlosen Grausamkeit
und Feindschaft, wie man sie in Europa beobachten konnte,
noch ihrer Gedankenwelt voll Ausschweifung und Aberglaube
vertrauen? Nein! Nein! Wenn ihr sie in ihren Ausschweifungen
nachahmt, so folgt ihr nicht (ihrem guten Beispiel), sondern
schließt euch unbewusst (ihrem liederlichen Lebenswandel) an
und führt damit euch selbst und eure Brüder der Hinrichtung
(d.h. der Verurteilung am Ende des Lebens – A.d.Ü.) zu. Gebt
Acht! Je mehr ihr ihren liederlichen Sitten nacheifert,
desto größer wird eure Verlogenheit, indem ihr behauptet,
gute Patrioten zu sein!... Wenn ihr auf diese Weise (den
Europäern) nacheifert, so zeigt ihr damit eure Verachtung
gegenüber eurer Nation und macht eurer Volk lächerlich!
»Gott leitet uns und euch auf den rechten Weg«
Bediuzzaman Said Nursi
Quelle: Blitze, 17.Blitz, 5.Notiz
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